Aggressive Atheisten? Dialoge zwischen Sumpf und Fels

Emotionen

Humanisten werden von Gläubigen oft als aggressiv und feindlich gesinnt erlebt. Das geschieht nach dem Muster:

  • Auf den Steuerbetrüger wirkt der Steuerfahnder unbequem oder gar als “Feind”, weil er durch seine Ermittlung Steuergerechtigkeit herstellt.
  • Sogar der Parkraumüberwachung werden aggressive, feindliche Gefühle entgegengebracht, obwohl eigentlich klar ist wer die Regeln missachtet hat, wenn das Knöllchen an der Windschutzscheibe hängt.
  • In der Straßenbahn geben die sitzenden Fahrgäste nur unwillig Platz frei, wenn andere zusteigen. Sie fühlen sich bedrängt und beäugen den zugestiegenen Mitfahrer misstrauisch, obwohl der nur das gleiche will – einen guten Platz, auf den er gleichen Anspruch hat.

Wo in unserem Staat einseitig den religiösen Gemeinschaften mehr Schlupflöcher zugestanden werden und deren Ausbreitung im öffentlichen Raum überproportional gefördert wird, kommt säkularen Organisationen die Aufgabe zu, durch Kritik und Forderungen unbequem auf diese Ungerechtigkeit hinzuweisen.
Auch Atheisten haben in Demokratien „gültige Fahrscheine“ und damit gleiche Ansprüche auf einen guten Platz in der Gesellschaft. Der Ruf nach Regulierung der unterschiedlichen Interessen ist keine Anmaßung, auch kein feindlicher, aggressiver Akt, sondern demokratisches Recht. Nur Gottesstaaten oder Kirchenrepubliken erkennen das nicht an und lassen zu, dass sich Gläubige breiter machen als andere Bürger.

Christen nutzen bei uns ihre als traditionell geltende Privilegien in aller Selbstverständlichkeit bereits seit Generationen. Wenn sie kritisiert werden und sich Forderungen gegenüber sehen sich zu bescheiden, zurück zu treten und ihren gesellschaftlichen  Einfluss zu verringern, können sie das als aggressiv gegen sich gerichtet empfinden. Machtverlust führt zu Frust. Das miese (Scham-)Gefühl, ohne gute Argumente da zu stehen und sich letztlich eingestehen zu müssen, dass die eigene Bedeutung und gesellschaftlich legitime Rolle weit überzogen wurde, wird leicht in ein Bedrohungsgefühl übertragen.

Emotionale und taktische Handlungen

Aus dieser Lage heraus reagieren Gläubige oft schnell und emotional, wenn Ungläubige Ansprüche auf Gleichberechtigung erheben. Sie erklären die Fordernden zum unfairen Feind und sich selbst zum angegriffenen Opfer von Aggression. Das lässt die Emotionen hoch kochen und behindert die vernünftige Auseinandersetzung. Dieser menschlich verständliche Affekt, hilft nicht weiter, wenn es darum geht komplexe Schwierigkeiten zu lösen.

Natürlich gibt es in der Kirche, wie überall in der Politik, auch scharf kalkulierende Strategen, die sich diese psychologischen Mechanismen bewusst zu Nutze machen. An Stelle sachlicher Argumentation schwadronieren sie lieber über (Religions)feindlichkeit und verletzte christliche Gefühle, heizen die Emotionen damit an, weil sie so die öffentliche Sach-Debatte verhindern können.
Benennen religionsfreie Bürger und Organisationen sachlich und gut belegt die Mißstände, werden sie umgehend routiniert und professionell (von bestens geschulten und gut bezahlten Rhetorikern) verächtlich gemacht und als übergriffig und aggressiv dargestellt.

Dass es auch auch sehr viele Gläubige gibt, denen diese Taktik ihrer Kirchen missfällt und die selbst lieber in einem fairen Verhältnis zu den Mitbürgern stehen würden, ändert auf gesellschaftlicher Ebene kaum etwas. Die Dynamik der Macht bringt mit sich, dass dieser Wunsch nach Ausgleich und Fairness kirchenintern regelmäßig ins Hintertreffen gerät, selbst wenn er mit dem Evangelium begründet wird. Kirchenmitglieder der Basis staunen oft gemeinsam mit Nichtchristen über das autoritäre und undemokratische Handeln der kirchlichen Führungskräfte.

Es kam in der Geschichte der Kirche noch nie dazu, dass Privilegien ohne Nachdruck aufgegeben, Ausgleich wegen früherem Unrecht freiwillig geleistet oder Transparenz über Geld und Besitz aus eigenem Antrieb hergestellt wurde. Konflikte sind unausweichlich und gehören zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Nicht alle Konflikte lösen sich friedlich, aber auch nicht alle stagnieren ungelöst. Mit welchen Grundhaltungen religionsfreie Bürger und Bürgerinnen an einer säkularen, pluralistischen Gesellschaft arbeiten können, ohne sich mit Stagnation zufrieden zu geben und ohne Eskalation zu betreiben, ist die spannende Frage.

Friedfertiger Dialog im Konflikt? Geht das?

Orientieren wir uns am Bild eines Fahrzeugs auf der Straße:

Es gilt, wenn der Konflikt-Dialog in Fahrt ist, zwei Straßengräben zu vermeiden:

  1. Auf den Vorwurf einzugehen, indem man ihn beschwichtigend, verständnisvoll und erklärend zu entkräften versucht, bestätigt implizit, dass (religiöse) Empfindlichkeiten die Grenzen des Sagbaren bestimmen. Das führt von der festen Fahrbahn der freien Meinungsäußerung in den morastigen Straßengraben vom Respekt, den man religiösen Gefühlen gegenüber zollen müsse. In der komplementär eskalierten Variante verhindern Glaubenswächtern das offene Sprechen, aber auch schon religiöses Beleidigtsein soll Kritiker mundtot machen. Damit versinkt die Dialog-Karre langsam im Sumpf des Schweigens.
  2. Der Gegenangriff, das heißt, sich aufzuregen und die Kirchen, deren Amtsträger und Mitglieder als feindlich, unmenschlich, verletzend, usw. zu etikettieren, führt zu einer symmetrischen Eskalationsdynamik, mit der man auch von der Fahrbahn abkommen kann. Das Tempo wird höher, Besonnenheit und Risikobewußtsein sinken. Wenn sich aufgeregte Streitgespräche in denen absolute Wahrheiten formulierte werden, unverständiges Kopfschütteln und sich gegenseitige persönliche Abwertungen etablieren, stellt das den Fels dar, an dem das Dialog-Fahrzeug auf dieser Seite der Straße zerschellen kann.

Stephane Hessel mit seiner Idee der „zivilisierten Verachtung“ und Haim Omer, der die „Psychologie der Dämonisierung“ beschrieb, geben Beispiele, wie man diese Gräben vermeiden und zwischen Beschwichtigen und Anklagen einen Weg finden kann, um friedlich und nachdrücklich für die eigene Meinung einzustehen und Rechte einzufordern.

In diesem Sinn lauten meine Empfehlungen um Dialoge zwischen Sumpf und Fels zu führen:

  • Wir vertreten deutlich sichtbar und laut unsere Meinung und verhalten uns dabei zivilisiert. Wir bestehen darauf, dass Kirchen nicht mehr gesellschaftlichen Raum einnehmen als andere Clubs. Heidenspaß-Parties am Karfreitag zeigen:  Es geht auch nebeneinander. Wer beten will betet (und ist so höflich das nicht in der Disco zu tun), wer tanzen will tanzt (und ist so höflich das nicht in der Kirche zu tun) – und wer beides nicht will, macht etwas ganz anderes.
  • Wir provozieren mit Humor und Überspitzung und machen dabei klar, dass wir lediglich über schlechte Ideen lachen und nicht über Menschen die diesen Ideen irrtümlich oder bewusst anhängen. Wir betonen auch die Ernsthaftigkeit des Anliegens, berichten über die bestürzende Situation von Atheisten in gläubigen Gesellschaften, die mit der entlastenden Wirkung von Humor besser zu ertragen ist. Spass versteht jeder anders, darum können wir sofort ernsthaft und argumentativ begründen was wir denken, wenn der eigene Humor missverstanden wurde.
  • Wer uns Aggression vorwirft, soll erleben, wie wir cool und selbstbewußt unseren Standpunkt vertreten. Die feine Unterscheidung zwischen Wut (emotionales, aufgebrachtes, unverständliches Wüten) und Zorn (glasklare, entschiedene und kongruente Widerstandshaltung) kann dabei sehr hilfreich sein. Empörung, Ärger und Angst sollen nicht die Grundlage unseres Handelns sein und schon gar nicht kultiviert werden. Wenn sie zwischendurch aufflammen, müssen sie entsprechend individuell reguliert werden, bis vernünftiges Denken und Handeln im Dialog wieder möglich ist.
  • Bei uns zählen gute Argumente, nicht die Fähigkeit am besten recht zu haben, beleidigt oder empört zu sein. Darum geben wir selbst schnell zu, wo und wie wir uns geirrt haben. Das Erkennen von Fehlern ist ein wichtiger Schritt der zu besserem Verständnis und Fortschritt führt, wenn nicht Schuld damit verknüpft wird oder Versagensgefühle überhand nehmen.
  • Religiöse Gefühle streiten wir ab. Menschliche Gefühle können wir verstehen (im Sinn von empathisch nachvollziehen). Wie alle anderen Menschen sind auch wir emotional, aber finden es nicht immer gut, danach zu handeln. Mit Nachdenken und durch aufklärerisches Wissen können sich auch tief empfundene Gefühle verändern und neuen Sichtweisen und Lösungsmöglichkeiten Raum geben.
  • Uns ist wichtig über historische Fakten, Strukturen, soziale Konstellationen, materielle Dinge, wissenschaftliche Wahrheiten, Wahrscheinlichkeiten und Lösungswege nachzudenken. Darum nehmen wir uns Zeit für Forschung und Bildung, um vorliegendes Wissen zu überblicken und zu erweitern. Wenn wir unsicher sind, informieren wir uns. Wir wollen unser Handeln mehr auf Wissen und Vernunft stützen, als auf Emotion und Vermutung (oder gar Glauben).
  • Wir prüfen fortlaufend, ob unsere Haltungen und Leitideen mit dem Stand des wissenschaftliche Wissens vereinbar sind und die Zivilisation von Gemeinschaften stützen. An angeblich übermenschlichem Wissen haben wir kein Interesse, da die Belege dafür fehlen und die aufgestellten Behauptungen höchst widersprüchlich und strittig sind.
  • Wir möchten einen Staat, der zu allen Gruppierungen Äquidistanz einhält. Für die christlichen Kirchen bedeutet das: Der Staat muss sich wieder von ihnen entfernen, bzw. die Kirchen von der staatlichen Macht fern halten. Das ist nicht aggressiv gegen eine Gruppe gerichtet, sondern klärend in Bezug auf alle Gruppen der Gesellschaft.
  • Die Auseinanersetzung mit einzelnen Glaubenssätze von Religionen ist nicht unser Thema. Wir mögen klare Strukturen und bürgerliche Freiheiten, damit jeder glauben kann, was ihm liegt. Darum sehen wir keinen Sinn in (staatlicher oder gesellschaftlicher) Religionsfreundlichkeit oder -feindlichkeit.
  • Wir sind Verteidiger von persönlichen Rechten, Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit. Wir sind Mitbürger mit eigenen Vorstellungen und achten auf gesellschaftliche Fairness. Das ist nichts feindliches, sondern ethisches und solidarisches Handeln von nicht religiösen Menschen in einem pluralistischen Staat.